Gewalt des Patriarchats
Junge Welt, 23 January 2009
Dokumentiert. Konstruierte Geschlechterordnung fördert Unfrieden
Nachfolgend dokumentieren wir Auszüge aus dem Vortrag »Hat Krieg/Frieden ein weibliches Gesicht? Eine feministische Kritik der NATO«, den Christiane Reymann (Berlin) während des el-fem-Seminars am 17. Januar in Leipzig gehalten hat.
Wir leben in einer Welt, die nicht freundlicher wird, sondern grausamer. (…) Was interessiert in dieser Situation das Geschlecht von Krieg und Frieden? Und reicht es nicht, daß wir uns der NATO widersetzen, weil sie militaristisch ist? Brauchen wir darüber hinaus eine feministische Kritik? Ich meine: Ja. Denn als sozialistische Feministinnen oder feministische Sozialistinnen lassen wir uns nicht in die Nische von »Frauenfragen« drängen. Aus der vielschichtigen Lebenswirklichkeit von Frauen greifen wir das große Ganze an, den globalisierten Kapitalismus. In ihm schickt sich das Patriarchat an, seine Herrschaft über Natur und Gesellschaft zu vervollständigen, indem es alle Lebensäußerungen dem Markt unterwirft. Sein Element ist grenzenloser Profit in einer Unkultur von Gewalt und Krieg.
(…) Die feministische Bewegung trat mit dem Anspruch auf, das in Geschichte und Gegenwart unsichtbar Gemachte sichtbar machen, so die Rolle von Frauen in der Gesellschaft (…). Doch wie soll das Unsichtbare sichtbar gemacht werden in Institutionen, die sich umfassend und nachhaltig durch den Ausschluß von Frauen auszeichnen? Das Verborgene in Staat und Militär ist gerade nicht »das Weibliche«, sondern »das Männliche«, das unter dem Deckmantel der Neutralität oder reinen Funktionalität die politischen Institutionen besetzt, wie Eva Kreisky in ihrer Schrift »Der Krieg im Kosovo als Arena von Männlichkeiten« feststellt. (…)
Sozialistische Feministinnen streiten leidenschaftlich für Gleichheitsrechte. Aber unser Ziel ist nicht die gleiche Lizenz zum Töten für Männer und Frauen, wir wollen die Armeen abschaffen. (…) Wenn Krieg als Sache des Mannes gesehen wird – er habe ein vermeintlich aggressiveres Wesen, sei genetisch auf das Jagen programmiert (…) – und Frieden als Sache der Frau – als Gebärende beschütze und bewahre sie das Leben (…) – wird eine Geschlechterordnung konstruiert, die Unfrieden fördert. Christa Wolf sagt sogar: Sie führt zur Selbstzerstörung. Denn Entgegensetzungen, Ausschließlichkeiten bilden das klassische Muster von Feindbildern. (…)
Dieser Ausflug in die sozialistisch-feministische Theorie kann uns Pfade zur Friedensarbeit jenseits des Patriarchats auftun:
– Wenn Entgegensetzungen zur Zerstörung und Selbstzerstörung führen (…), dann ist in einem ersten Schritt sehr wichtig, die Geschlechterordnung nicht als quasi naturhaft gegeben anzusehen. (…)
– In jeweils konkret-historischen Verschränkungen mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen ist Krieg patriarchal. Aber Krieg hat kein männliches und Frieden kein weibliches Gesicht. (…)
– Unser Weg zu Frieden führt über die Selbstveränderung beider Geschlechter. (…)
Nach der zweiten Menschheitskatastrophe im »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawn) gründet sich 1945 die UNO, um Krieg und Gewalt durch die Herrschaft des Rechts zu ersetzen. Im Jahr 1949 tritt die NATO auf den Plan, die in ihrer Entwicklung eben jene Herrschaft des Rechts aushebeln wird. In ihrer Gründungsurkunde verpflichten sich zwar die Vertragspartner noch (Artikel 1), »sich in ihren internationalen Beziehungen jeder Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung zu enthalten …«. In Wirklichkeit ist die NATO in dieser Zeit ein militärisches Bollwerk gegen den Kommunismus nach außen – aber auch nach innen. (…)
Doch die eigentliche Bewährungsprobe für die NATO kam mit dem Fall der Mauer (…). Aus Selbsterhaltungstrieb legten das Militär und der militärisch-industrielle Komplex in atemberaubendem Tempo bereits 1991 eine neue NATO-Strategie vor, die sie in den folgenden Jahren fortschrieben (…) An die Stelle militärischer Bedrohungen sind jetzt andere getreten, die NATO nennt sie in ihrer Strategie »Risiken«. Sie lauten: Bevölkerungs-»explosion« in der Dritten Welt, das Weltklima (…), Armut, Verelendung, Migrationsströme (…), Engpässe im internationalen Nahrungsangebot, Knappheit an Energie oder anderen schwer zugänglichen Ressourcen, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (…). Für alle diese offenkundig nichtmilitärischen Risiken erklärte sich die NATO zuständig. (…) Ausdrücklich erhält die NATO ihre Drohung mit dem Ersteinsatz von Atomwaffen aufrecht (…). Seit dem völkerrechtwidrigen Jugoslawien-Krieg versteht sich die NATO nicht mehr als der UNO untergeordnet. Die großen Friedensforschungsinstitute in Deutschland werten die neue NATO-Strategie in ihrem Friedens-Memorandum als »Rückkehr zum Faustrecht.« Das Faustrecht anwendend, bombardierte die NATO 1999 78 Tage und Nächte Städte und Dörfer in Jugoslawien. (…)
Kriege, Konflikte und Gewalt lassen sich nicht analysieren, wir verstehen sie nicht wirklich ohne die Geschlechterperspektive. Kriege, Konflikte, Gewalt sind in höchstem Maß patriarchal. Deshalb können auch Krieg und Militarisierung nur wirksam und nachhaltig verhindert werden mit einem feministischen Programm, möglichst getragen von Männern und Frauen. (…)
(c) Junge Welt 2009
http://www.jungewelt.de/2009/01-23/002.php
